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Hot Music! Erwin Schulhoff - Revue

  • 14. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Eine Hommage an einen der genialsten Komponisten des 20. Jahrhunderts - Ein Querschnitt durch Höhepunkte seines Schaffens in kammermusikalischer Besetzung. Mit Paul Gulda, Ieva Pranskute, Katharina Linhard, Andreas Teufel, Peter Hudler. Dramaturgie: Markus Kupferblum.






Erwin Schulhoff, einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts, ein genialer Eklektiker, der sich mit höchster Flexibilität eine Vielzahl von Stilen zueigen machte: spätromantische Tendenzen, Faszination durch den Impressionismus, Hinwendung zum Expressionismus, phantasmagorische Schöpfungen im Dada-Stil, Jazz-Rausch, folkloristische Inspirationen und die stumpfe Seriosität des sozialistischen Realismus: All das findet sich in Schulhoffs Werk.


In den 20er-Jahren hatte Schulhoff zu den schillerndsten Figuren im Aufbruch zur Moderne gehört. Er hatte auf Empfehlung von Dvořák in seiner Heimatstadt Prag bei Kaan studiert, später auch kurze Zeit bei Reger und Debussy. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er in Italien gekämpft hatte, ging er zunächst nach Dresden, wo er eine Konzertreihe mit Werken der Wiener Schule ins Leben rief. Daneben experimentierte er gemeinsam mit Dadaisten und Kubisten, wandte sich als einer der ersten dem Jazz zu und setzte sich als hervorragender Pianist für die neuesten Errungenschaften wie die Vierteltonexperimente Hábas ein. Seine eigenen Werke wurden auf den wichtigsten Festivals der Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik in Salzburg, Genf, Venedig und Donaueschingen gespielt. Dabei nahm seine Kammermusik einen zentralen Platz ein.


In den 30er Jahren vollzog Schulhoff eine weitere Wende, die von seiner Identifikation mit der sowjetischen Doktrin angestoßen wurde. Dieser neue Stil schlug sich vor allem in seinen Symphonien, die stark vom sozialen Realismus geprägt sind, nieder. Eine kommunistische Orientierung sah er als Ausweg aus der Bedrohung Europas durch den Nationalsozialismus. 1932 vertonte er den Text des Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels.


Als Kommunist und Jude wurde er 1941 von den Nazis interniert und verstarb 1942 in einem Lager in Wülzburg. Nach dem Krieg blieb seine Musik lange in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung von Erwin Schulhoff und seines Oeuvres, die insbesondere von Gidon Kremer und seinem Festival in Lockenhaus in der Mitte der 80er-Jahre ausging, ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung, die Rehabilitierung eines Vorreiters der frühen Avantgarde, die zu einer regelrechten Schulhoff-Renaissance geführt hat, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.



Zum Programm:


Neun kleine Reigen op. 13 (1913) für Klavier solo ist eines der ersten Werke Schulhoffs, das Einflüsse vom Jazz und leichter Musik, insbesondere Walzer, erkennen lässt.


Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Schulhoff zum Militärdienst der K.u.k.-Armee berufen, fand aber trotzdem Gelegenheit zu komponieren, unter anderem die Sonate für Violoncello und Klavier op. 17 (1914). Trotz einer gewissen Unerfahrenheit im Streichersatz entstand ein ausgewogenes Stück, das spätromantischen Duktus und jugendlichen Elan verbindet.


Nach seiner Rückkehr aus dem Militärdienst im Januar 1919 übersiedelte er nach Dresden, wo er an Veranstaltungen der Dadaisten rund um George Grosz teilnahm. Schulhoffs glühende Begeisterung für die Dada-Bewegung, die sich aus dem Hass auf die „verbürgerte Sorte der expressionistischen Verwesungstype“ speiste, brachte einige hoch originelle Werke hervor, wie die "Bassnachtigall" für Kontrafagott Solo mit dem Motto: "Der göttliche Funken kann wie in einer Leberwurst auch in einem Kontrafagott vorhanden sein". Seine Fünf Pittoresken op. 31 für Klavier nehmen im dritten Satz "In Futurum", einer auskomponierten völligen Stille, die berühmten 4'33'' von John Cage um Jahrzehnte vorweg. Und die Sonata Erotica für Solo Muttertrompete von 1919 kann ohne Zweifel als ein Höhepunkt jedes Konzertabends bezeichnet werden.


Das Duo für Violine und Violoncello komponierte Schulhoff 1925, zwei Jahre nach seinem internationalen Durchbruch mit den Fünf Stücken für Streichquartett. Es kann sich neben den Klassikern des Genres, Kodalys Duo von 1914 und Ravels Sonate von 1920/22, behaupten. Die Synthese aus Kunst- und Volksmusik gelang ihm hier ebenso mühelos wie den großen Vorbildern, deren ungarische bzw. französische Färbung hier durch einen tschechischen Ton ersetzt wird.

Die Zingaresca des zweiten Satzes wirkt wie eine Umsetzung von Schulhoffs Bekenntnis, Musik sei „niemals Philosophie“, sondern entspringe „dem ekstatischen Zustande“ und finde „in der rhythmischen Bewegung ihren Ausdruck“. Kongenial hat der Komponist in allen vier Sätzen die klangfarblichen und spieltechnischen Ressourcen der beiden Instrumente ausgeschöpft.


Das Liedschaffen von Erwin Schulhoff umfasst fast 100 Werke, die in sich fast die gesamte Breite seines stilistischen Spektrums abdecken. Während die Drei Stimmungsbilder WV 30 von 1913 noch ganz dem spätromantischen Pathos verbunden sind wagt sich Schulhoff mit den Fünf Gesängen im so entscheidenen Jahr 1919 in experimentellere Gefilde, auch in die Atonalität, vor. Die Volkslieder und Tänze aus Schlesisch-Teschen für Singstimme und Klavier von 1936 wiederum sind ein wichtiges Zeugnis seiner Beschäftigung mit der Volksmusik und das Masselied K 1. Máji 1934 steht stellvertretend für sein Engagement für den sowjetischen Realismus und die Befreiung des Proletariats.


Zu den schillernden Facetten im Oeuvre Schulhoffs gehört die Auseinandersetzung mit dem Jazz, die in der 1930 komponierten Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier ihren Höhepunkt fand. Man kann Schulhoffs Beschäftigung mit dem Jazz im Zusammenhang mit der Jazz-Rezeption der 20er Jahre sehen, so etwa bei Ravel, Strawinsky oder an den deutschen Musikinstituten, wo die ersten Jazz-Klassen entstanden. Was dieses Stück besonders macht: Die Jazzelemente sind hier in die Strukturen der klassischen Sonatenform integriert, ohne dass die Komposition dadurch ihren Jazzcharakter einbüßte.




Texte von Schulhoff, Schwitters, Bayer, Hausmann und anderen:

"Erwin Schulhoff ist einer der unzähligen Künstlerinnen und Künstler, deren Werk und Biographie die NAZIS allzu gerne ausgelöscht hätten. Deshalb sind Abende wie heute ein wirklicher Triumph - für die Kunst wie für die Menschlichkeit.


Dass Schulhoff ins Fadenkreuz der NAZIS geriet, war nicht nur seiner jüdischen Abstammung geschuldet, sondern auch seiner Nähe zum DADAismus.

Die DADA Bewegung entstand am 16.2.1916 in Zürich, der größten Stadt der neutralen Schweiz, als alle Länder Europas in einem „Weltkrieg“ mit den dystopischsten und unvorstellbarsten Waffen in kürzester Zeit Millionen von Menschen dahinmetzelten. Die Künstlerinnen und Künstler, denen es gelang, sich dorthin in Sicherheit zu bringen, begannen, Manifeste für Frieden und gerechtes Zusammenleben zu schreiben und absurde und aberwitzige Kunst zu schaffen, da sie meinten, nichts, was sie täten, könne an die Absurdität dieses „Weltkriegs“ heranreichen. Damit schufen sie einen künstlerischen Nährboden, der sich nach dem Krieg in der surrealistischen Bewegung in Paris fortsetzte, der DADA Bewegung in Berlin, aber auch in der MERZ Bewegung, die Kurt Schwitters in Hannover ins Leben rief. Der einzige Wiener unter ihnen, Raoul Hausmann, blieb bis zu seinem Lebensende in Frankreich, wo er von jungen österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aufgesucht wurde, die sich von ihm inspirieren ließen. Ernst Jandl, Frederike Mayröcker oder Konrad Bayer, deren Werke ohne diese Inspiration nicht denkbar wären.

Für den heutigen Abend haben wir Manifeste und politische Lyrik ausgewählt, Lautgedichte und Aphorismen. Sie stammen von DADAisten der ersten Stunde, aber auch von Kurt Schwitters oder Konrad Bayer, einer der wichtigsten wiener Epigonen der DADA Bewegung." (Markus Kupferblum, Textauswahl und Dramaturgie)














Programm:


Erwin Schulhoff (1894-1942)




Neun kleine Reigen für Klavier solo op. 13 (1913)


Aus: Sonate für Violoncello und Klavier op. 17 (1914)


Aus: Drei Stimmungsbilder: WV 30: No. 1 (1913): Klangen Geigen übern See


Aus: Fünf Pittoresken für Klavier Solo Wv 51: III. In Futurum (1919)


Duo für Violine und Violoncello WV 74 (1925)


Melodie für Violine und Klavier WV 2 (1903)


K 1. Máji 1934 (Zum 1. Mai 1934) - Massenlied


Aus: Národní Písne a Tance z Tešínska (Volkslieder und Tänze aus Schlesisch-Teschen) für Singstimme und Klavier: Sidej na Vuz (1936)


Hot Sonata für Altsaxophon und Klavier (Arr. für Violoncello und Klavier) (1930)


Aus: Fünf Gesänge mit Klavier: V (1919)


Sonata Erotica für Solo Muttertrompete (1919)






Mitwirkende:


Katharina Linhard, Sopran

Ieva Pranskute, Violine

Paul Gulda, Klavier

Andreas Teufel, Klavier

Peter Hudler, Violoncello


Dramaturgie: Markus Kupferblum

 
 
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